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"Der Westen ist nicht reformierbar, da sind wir uns alle einig..." Zum Tod von Herbert Mißlitz

Herbert Mißlitz im Interview mit Cornelia Siebeck

Im Frühjahr 2010 erschien im Vergangenheitsverlag der Interviewband "Verlorene Zeiten. DDR-Lebensgeschichten im Rückblick". Darin interviewte Cornelia Siebeck den kürzlich verstorbenen Herbert Mißlitz, einem "überzeugten Kämpfer gegen die Realität", DDR-Dissident, kritischer Geist. Das Neue Deutschland schrieb einen gelungenen Nachruf, siehe: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1039103.tod-eines-ostdeutschen-berufsrevolutionaers.html

In Erinnerung an Herbert Mißlitz veröffentlichen wir das ausführliche biografische Interview in unserem Blog (Quelle: Cornelia Siebeck, Alexander Thomas, Alexander Schug (Hg.), Verlorene Zeiten, S. 218-231, http://bit.ly/2joKFYw). Foto von Monique Ulrich.


Herbert Mißlitz: „Der Westen ist nicht reformierbar, da sind wir uns alle einig …“



„Ich bereue nichts!“ sagt Herbert Mißlitz zu Beginn unseres ersten Gesprächs, in dem es um das geplante Interview geht. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht einmal, was es zu bereuen geben könnte, denn meine Informationen über ihn sind spärlich: Er wurde mir als ‚DDR-Linker‘ empfohlen, der seinen Überzeugungen nach wie vor treu geblieben sei. Was ein ‚Linker‘ in der DDR ist? Darüber habe ich im Gespräch mit Herbert Mißlitz einiges gelernt: entschieden antikapitalistisch und insofern nicht am ‚goldenen Westen‘ orientiert. Gleichzeitig aber auch ein Gegner der realsozialistischen Politbürokratie, die er selten ohne die Attribute ‚spießig‘ oder ‚verknöchert‘ erwähnt. Kurz: einer, der den Sozialismus will – aber nicht so, wie er in der DDR war.Vom rebellierenden Jugendlichen entwickelte sich Herbert Mißlitz zum Politaktivisten, der gemeinsam mit Gleichgesinnten darüber diskutierte, die DDR im Sinne eines rätekommunistischen Modells zu ‚reformieren‘. Immer wieder wurde er vorgeladen oder inhaftiert: wegen Wehrdienstverweigerung, ‚Zusammenrottung‘ oder ‚Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit‘. Natürlich gab es auch eine Stasi-Akte, aber Herberts Eindruck ist bis heute, dass die Autoritäten ihm und seinen Freunden gegenüber einigermaßen ratlos waren – konnte man sie doch kaum als ‚westliche Klassenfeinde‘ diffamieren. Auch ich habe während unserer Gespräche nicht selten gedacht, dass es das SED-Regime in diesem Falle mit jungen Leuten zu tun hatte, die das Versprechen ernst nahmen: „Dass das eine große Gemeinschaft ist, an der wir teilhaben sollten, die wir mit entwickeln sollten,“ wie Mißlitz sich aus dem Schulunterricht erinnert.Von der Maueröffnung und der darauf folgenden Dynamik bis hin zur Vereinigung wurden Herbert Mißlitz und seine Freunde mehr oder weniger überrollt – aus ihrer damaligen Perspektive handelte es sich um eine ‚Kolonisierung‘ der DDR. Heute hat er für das damalige Geschehen keinen Begriff mehr, der ihm passend erscheint. Überhaupt hadert Mißlitz mit den Worten. Er will sich nicht ‚Opposition‘ nennen, auch nicht ‚Gegner‘, er zögert, von ‚Repressionen‘ zu sprechen – zu sehr scheinen diese Begriffe durch einstige ‚Bürgerrechtler‘ okkupiert, von denen er sich heute entschieden abgrenzt. Denn: „Ich begreife mich nicht als Opfer!“, auch das einer der der ersten Sätze, die ich von Herbert gehört habe. Höchstens als Opfer eines von ihm so genannten ‚Erinnerungskartells‘, das ein Bild von der DDR kreiert, dass er für völlig verzerrt hält und in dem er und seinesgleichen gar nicht mehr vorkommen. Aber abgesehen davon ist er ein überzeugter Kämpfer gegen die Realität geblieben.


Wann sind Sie geboren, und wo sind Sie aufgewachsen?


Ich bin 1960 geboren worden, am 21. Juni, genau am Sommeranfang, und in Berlin-Grünau aufgewachsen, also nah am Wasser. Das hat meine Kindheit geprägt – ich war viel im Wasser, auf dem Wasser, im Wald, unterm Wald, Stichwort Höhlenbau. In Grünau war das soziale Netz ziemlich eng gestrickt, man kannte jeden, da war dann auch so eine Meute von Kids zusammen. Also, es herrschte schon so eine gewisse Geborgenheit. Das hat mich ziemlich geprägt.


Wofür standen Ihre Eltern, und was haben sie gemacht?


Ich bin in einem kommunistischen Elternhaus aufgewachsen, West-Fernsehen gab’s da nicht. Mein Vater hat damals den Journalistenverband aufgebaut. Meine Mutter ist erst durch ihn zur Kommunistin geworden. Tante Traude, ihre alte Schulfreundin, erzählt heute noch, wie meine Mutter plötzlich eine Hundertfünfzigprozentige wurde – alles wegen so einem Kerl! Später haben meine Eltern sich dann scheiden lassen. Unter Honecker war meine Mutter Sekretärin bei der FDJ, später hat sie im Ministerium für Außenhandel gearbeitet. Danach war sie bei der NVA, in der militärpolitischen Hochschule.


Ein kommunistisches Elternhaus – was hieß das, außer des Verbots von West-Fernsehen?


Das war ja nicht nur mein Elternhaus. Wir haben in einem Mehrfamilienhaus gewohnt, da wohnten nur Leute, die sich für den Aufbau dieses Staates und dessen Entwicklung eingesetzt haben. Die fühlten sich verpflichtet, das auch den Kids mitzugeben. Wenn wir damals Cowboy und Indianer gespielt haben, waren wir also immer Indianer, also die Guten. Mein Nachbar, der große Faschismusforscher Kurt Gossweiler1, für uns ‚Onkel Kurt‘, hat es mir aber auch nicht übel genommen, wenn ich später laut die Rolling Stones im Radio gehört habe.


Wie haben Sie sich als Kind den Kommunismus vorgestellt?


Als Kind war einfach klar: Wir leben im Sozialismus, und der Sozialismus ist gut, er sorgt für uns. In der Schule hatten wir nun keinen so ideologisch überformten Unterricht – jedenfalls habe ich das nicht so wahrgenommen. Sicherlich, die Geschichten, die wir gelesen haben, die Filme, die wir gesehen haben, die Arbeitsgemeinschaften, in denen wir waren, die waren natürlich didaktisch so aufgebaut, dass der Sozialismus gut ist. Dass das eine große Gemeinschaft ist, an der wir teilhaben sollten, die wir mit entwickeln sollten.


Sie haben einmal gesagt, dass Sie über Ihre Jugend am liebsten einen Roman schreiben würden, und Sie glauben, dass der Jahrgang ’60 in der DDR etwas Besonderes gewesen sei.


Naja, das war eher scherzhaft gemeint. Die Idee, das mal aufzuschreiben, kam daher, dass es mittlerweile viele Romane über die DDR gibt, mit denen ich nicht so glücklich bin. Da wird meinem Eindruck nach einer doch sehr parteiischen Erinnerungsideologie der heutigen Zeit entsprochen. Für meine Biografie war wichtig, dass der Beginn meiner Pubertät mit der kulturpolitischen Öffnung zusammenfiel, eben diese Zeit um 1973, mit den Weltfestspielen der Jugend. Bis 1976, Biermann-Ausweisung und so weiter. Damals ist viel gelaufen, diese ganzen Veranstaltungen, wo sich die Langhaarigen trafen und dieser Woodstock-Gedanke auch immer so mitschwang. Und Prag 1968 war damals noch sehr frisch.


Als 1973 die X. Weltfestspiele der Jugend in Ostberlin stattfanden, waren Sie 13. Ich nehme an, das war eines der ersten größeren Events in Ihrem Leben?


Ja. War es auch. Richtig groß! Wir waren mit unserem Blasorchester mit von der Partie. Das meiste spielte sich rund um den Fernsehturm am Alexanderplatz ab. Da war Tag und Nacht Leben. Das war so, wie ich mir die Welt gewünscht habe. Es gab so eine Offenheit, alle waren glücklich. Hin und wieder waren welche unglücklich verliebt und traurig, also das gab es auch.


Sogar im Sozialismus gab es keine Garantie für Glück?


Ja, sogar im Sozialismus gab es enttäuschte Lieben (lacht). Insgesamt herrschte eine sehr lockere Atmosphäre. Für mich als 13-jährigen war das noch nicht so von Bedeutung, aber die FDJ verteilte damals massenhaft Präservative. Es war klar, da wird nicht nur gefeiert, da wird jede Gelegenheit genutzt. Jugend halt – ‚Jugend forscht‘ (lacht). Und viele hatten damals den Eindruck: Jetzt passiert was Neues. Jetzt geht’s voran, das ist der Durchbruch des Sozialismus ...


Wie hat man diese kulturelle Öffnung damals sonst noch gespürt?


Es gab in dieser Zeit erste Literaturzirkel, in denen eifrig über Lyrik und Prosa diskutiert wurde – ein gutes Ausdrucksmittel, wenn du ein System nicht richtig kritisieren kannst, weil du es an bestimmten Punkten gar nicht ganz durchschaust oder weil du mit Repressionen rechnen musst, wenn du offen redest. Wichtig waren auch die ersten Diskussionen innerhalb der FDJ, und natürlich die Partys der Blues-Szene, auf denen ich dann auch reichlich unterwegs war.


Wie haben Sie damals eigentlich erfahren, dass irgendwo ein Konzert oder eine andere Veranstaltung stattfand? Das war ja eher weniger offiziell …


Das ging so rum: Dann und dann ist das Konzert in dem und dem Dorf, auf diesem alten Pferdegestüt spielt die verbotene Band so und so. Wir sind aber schon auch ins Haus der Jungen Talente gegangen, hier in Berlin. Der Jazz-Keller! Den fanden wir gut, auch wenn das von der FDJ organisiert wurde. Oder auch der Jazzkeller in der Puschkinallee in Treptow. Das waren für uns die Adressen. Jedenfalls waren wir viel unterwegs.


Wahrscheinlich floss da auch einiges an Alkohol.


Ja. Es gab zum Beispiel Rotweinpartys, da hat man über Hermann Hesse diskutiert – ‚Der Steppenwolf ‘, ‚Glasperlenspiel‘ und so. Bukowski kam dann ins Spiel, Salingers ‚Der Fänger im Roggen‘ oder Plenzdorfs ‚Die neuen Leiden des jungen W‘.2 Es gab aber auch Partys, da wurde einfach nur die Sau rausgelassen und harter Alk getrunken – meistens ‚Pfeffi‘, Pfefferminzlikör.


Wie lief es damals bei Ihnen zu Hause?


Meine Mutter ist ausgezogen, da war ich 14. Die hat einen Typen namens Karl-Heinz kennengelernt, der war ziemlich militaristisch drauf: NVA-Stabsfeldwebel, „Du darfst nicht gegen den Strom schwimmen“ – eben so altdeutsch. Wir sind nur aneinander geraten, bis der Punkt kam, dass wir uns geprügelt haben. Er war besoffen und mein Bruder und ich haben ihn einfach rausgeschmissen. Das Jugendamt hat sich eingeschaltet, und dann sind die eben nach Karlshorst in ein Häuschen gezogen. Mein Bruder und ich blieben in Grünau. Einmal die Woche mussten wir uns bei einer Vertreterin von der Jugendhilfe melden und sagen, was wir so vorhaben. Ansonsten – zwei pubertierende Jungs allein in einer Dreizimmerwohnung, da kannst du dir vorstellen, was dabei rausgekommen ist: Partys. Die Wohnung wurde mit der Zeit ein Anlaufpunkt für Tramper aus ganz Osteuropa. Das war eine richtige kleine Zentrale, wenn Sie so wollen.


Gab es da nicht auch mal Ärger mit den Nachbarn oder der Polizei?


Es hat wohl anonyme Briefe an die NVA gegeben, wo meine Mutter gearbeitet hat. Onkel Kurt hat das nicht weiter gestört, unter uns wohnte Tante Stark, die hat das erst recht nicht gestört. Aber mit der Polizei gab es natürlich schon immer mal Ärger. Einmal, so mit 16 oder 17, wollten wir mitten in der Nacht schwimmen gehen. Schon in der Wohnung haben wir die Klamotten ausgezogen und sind dann splitternackt über die Straße zum Wasser rüber: 20 oder 25 Leute, alle rein ins Wasser, natürlich mit einem riesigen Spektakel. Als wir rauskommen, stand da ein Bulle – völlig verlegen, vor 25 nackten Gestalten, und meinte: „Hauptwachtmeister Leppelholz, Ihre Personaldokumente bitte!“ Wir haben nur gelacht. Ich hab’ noch haufenweise solche Geschichten, wo die einfach nicht wussten, was sie machen sollten.


Welche beruflichen Pläne hatten Sie?


Eigentlich wollte ich Musik studieren, ich wollte damals zum Sinfonieorchester. Für die Erweiterte Oberschule musste man aber sehr gut sein, nicht jeder konnte Abitur machen. In der 8. Klasse hatte ich wegen mangelnder Leistungen den Absprung zur EOS verpasst. Deshalb hatte ich mich verpflichtet, nach der 10. Klasse zehn Jahre zur Armee zu gehen, als Militärmusiker. Danach hätte ich direkt an der Musikhochschule studieren können. Dann wollte ich aber nicht mehr zur Armee, mittlerweile war klar: Armee ist einfach Scheiße. Aber ich hatte unterschrieben, und in unserer Naivität haben wir überlegt, dass ich mit Absicht durch die Abschlussprüfung in der 10. Klasse fallen muss. Dann wäre der NVAPlan gescheitert, ich könnte eine Ausbildung machen und glücklich werden. Nichts leichter, als diese Prüfung nicht zu bestehen. Bis mein Klassenlehrer bemerkt hat, dass da was nicht stimmt. Der meinte dann, ich hätte zwar unterschrieben, sei aber nicht volljährig, deswegen habe das überhaupt keine Bedeutung. Ich hab’ die Prüfung dann grade noch geschafft – mit Unterstützung meines Lehrers. Anschließend habe ich eine Ausbildung zum Stuckateur gemacht, und das bereue ich bis heute nicht.


Nach dem Ende Ihrer Ausbildung zum Stuckateur haben Sie auch erst einmal in diesem Beruf gearbeitet.


Ja, da habe ich erstmal mit der Brigade auf den Baustellen der Republik richtig satt Kohle verdient. Natürlich Schwarzarbeit ohne Ende. Schwarzarbeit, das hieß 150 Mark pro Tag – das war sehr viel Geld in der DDR – plus Essen, Trinken und Unterkunft. Und Stuckateure waren gefragt, bei Häuslebauern und Parteifunktionären. Ich habe zum Beispiel die Villa Harry Tisch3 gemacht, auch Schwarzarbeit, da sind wir allerdings 14 Tage extra von der Baustelle abgezogen worden. Ansonsten haben wir das so organisiert, dass ein Teil unserer Brigade immer Schwarzarbeit gemacht hat und die anderen deren Arbeit einfach mitmachten. Am Monatsende wurde der Lohn dann auf alle verteilt. Und oft sind wir auch noch am Wochenende losgezogen.


Mussten Sie nicht irgendwann zur Armee?


Noch nicht. Trotzdem, mir war bewusst, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Als ich dann mit 19 oder 20 meine erste Einberufungsüberprüfung bekam, hatte ich dann schon entschieden, nicht hinzugehen – auch nicht zu den Bausoldaten.


Wie wurde Ihnen klar, dass Sie verweigern werden? Und vor allem: Was sagte die Armee dazu?


Es gab ja damals schon diesen Berliner Appell: Militärfreies Deutschland und so weiter, das fanden wir gut. Dann natürlich ‚Schwerter zu Pf lugscharen‘.4 Meine erste schriftliche Begründung für die Totalverweigerung war dementsprechend pazifistisch, nach dem Motto ‚Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin‘. Dann haben die mich in Ruhe gelassen. Ich hatte alle halbe Jahre wieder eine Einberufungsprüfung, habe wieder einen Text geschrieben und bin nicht eingezogen worden.


Würden Sie sich rückblickend als politischen Menschen in dieser Zeit sehen?


Was heißt ‚politisch‘? Wenn wir Party machen wollten und dann die Bullen angeritten kamen, war das für uns natürlich ein politischer Vorgang: Die standen für Bürokratie, Spießertum, Alltagsmief. Alles Sachen, denen man etwas entgegensetzen musste – das war eine Welt, die wir nicht wollten. Das war aber nicht mit einem klaren politischen Anspruch formuliert. Trotzdem: Auch eine Prügelei mit den Bullen hatte einen latent politischen Hintergrund. Wenn bestimmte Bands den Kleinstadt-Blues gesungen haben, diese Ödnis beschrieben haben, dann war das für uns ein politischer Text. Wenn dann die Bullen kamen und wir uns dagegen gestellt haben, war das ebenfalls politisch, weil wir eben diese Texte verteidigt haben. Aber ich glaube, meine erste eindeutig politisch motivierte Entscheidung war tatsächlich die, nicht zur Armee zu gehen. Sich relativ konspirativ zu treffen, zu diskutieren, das war eine politische Entscheidung. Und in der Zeit kamen ja dann auch die ganzen Kirchensachen, Stichwort ‚Offene Arbeit‘. Dort haben sich die Blueser, Hippies, später auch Punks getroffen, Veranstaltungen gemacht, gefeiert, eine politische Diskussion geführt – das ging aber in sehr unterschiedliche Richtungen.


Welche Themen wurden damals diskutiert?


Ich selbst habe mich damals in Richtung Rätekommunismus5 bewegt, das hängt sicherlich auch mit meinen Zirkeln zusammen. Da hat man sich zusammengesetzt und auch Aktionen, Flugblätter und so was geplant. Zum Beispiel ‚Bürokratie ist im Wege‘ – es ging uns um einen sozialistischen Freiheitsgedanken. Tito oder Jugoslawien, das waren damals Themen, ein wichtiges Buch war ‚Die Revolution entlässt ihre Kinder‘. Jedenfalls: Wie es war, konnte es nicht bleiben, das war verknöchert, miefig und spießig. Also machten wir uns auf die Suche. In Berlin kursierten damals nicht nur Bücher, es bildete sich auch eine Art Avantgarde heraus. Es gab beispielsweise Proudhonisten6, die Geld völlig abschaffen wollten. Die haben zumindest auf dem Land angefangen, ihre Waren ohne Geld zu tauschen. Es war heterogen, aber man kannte sich.


Gab es damals auch über politische Differenzen hinweg eine Zusammenarbeit?


Ja, zum Beispiel mit den christlichen Basisgemeinden. Die fanden wir als Rätekommunisten interessant, weil sie sich nach dem Vorbild lateinamerikanischer Basisgemeinden organisiert haben. Wenn sich Christen nach dem Räteprinzip organisierten, hatten wir nichts dagegen, mit denen was zu machen. Die waren uns weitaus sympathischer als die, die den Ausreiseantrag stellten. Wir haben mit denen über Paolo Freires ‚Die Pädagogik der Unterdrückten‘ diskutiert, aber eben auch Hans Küng7 gelesen. Man hat da immer wieder Gemeinsamkeiten entdeckt.


Das klingt nach Experimentieren. Sie sagten ja auch, Sie seien auf der Suche gewesen. Wonach haben Sie gesucht?


Sicherlich auch nach der historischen Schnittstelle: Wo fing es an, schief zu laufen mit diesem Sozialismus? Wir haben versucht, in die Geschichte reinzugehen, diesen Punkt zu finden. Das alles auf einer sehr schmalen Materialgrundlage. Wir bestellten über Westkontakte Bücher, die sie dann rüberbrachten. Wir hatten auch Kontakte zu Leuten, die in Bibliotheken arbeiteten und uns Sachen aus den ‚Giftschränken‘ herausgeholt haben. Hinter all’ dem stand die Frage: Was ist anders zu machen mit diesem Sozialismus? Den konkreten Plan, das konkrete Projekt hatten wir nicht. Wir wussten nur, dass uns etwas störte an dem Sozialismus, den es gab.


Gab es auch Repressionen in dieser Zeit? Sie müssen doch aufgefallen sein.


Was ist ‚Repression‘? Sich mal mit einem Bullen zu prügeln würde ich nicht als ‚Repression‘ bezeichnen. Wir haben das eher locker gesehen. Klar war man stinksauer, wenn die Bullen Leute von der Party mitgenommen haben und wir vor dem Revier standen: „Lasst die jetzt da raus!“ – und die reagierten überhaupt nicht. In dem Moment hatte man eine unsägliche Wut. Aber ‚Repression‘? Ich weiß gar nicht, wann die Stasi angefangen hat, eine Akte über mich anzulegen, da müsste ich jetzt wirklich noch mal nachschauen. Dass sie uns mal kontrolliert haben, wir zu bestimmten Anlässen mal vorgeladen oder zu einer Vernehmung abgeholt wurden – doch, das war spürbar, und das hat genervt. Sicher, wenn man mich damals gefragt hätte, hätte ich gesagt: „Repressionen!“ Aber gefoltert wurden wir nicht, solche Geschichten sind nicht gelaufen. Klar, es gab Eingriffe in den sozialen Alltag. Dass Leute, die sich politisch engagiert haben, beispielsweise Schwierigkeiten im Beruf bekamen, war natürlich eine Form von Repression. Diese Probleme hatte ich insofern nicht, als ich ja nicht auf dem Karrieretrip war.


Wie ging es mit Ihnen und der NVA weiter?


Ich bin von der pazifistischen Linie immer mehr abgewichen, hin zu einer konkreten Auseinandersetzung mit der NVA: Inwiefern ist das eine ‚Volksarmee‘? Vor unserem rätekommunistischen Hintergrund war das für uns eine wichtige Frage. Wir haben definiert, was den Charakter einer echten ‚Volksarmee‘ ausmacht. Um dann zu klären: Stimmt die Realität der NVA mit dieser Definition überein? In jeder Armee gibt es hierarchische Strukturen, die aber in einer Volksarmee im Friedenszustand auf ein Minimum beschränkt sein sollten. Das heißt auch hier: Räteprinzip, also Soldatenräte. Im Gegensatz dazu erkannten wir bei der NVA martialische hierarchische Strukturen. Also fassten wir den Beschluss, dass ich den Wehrdienst weiterhin verweigern werde – aber jetzt mit der Begründung, dass ich zwar prinzipiell bereit wäre, in einer Volksarmee Dienst zu leisten, dass aber die NVA keine Volksarmee sei. Ich habe sogar reingeschrieben, dass ich bereit bin, die eineinhalb Jahre nach Nicaragua zu gehen, um dort gegen den Imperialismus zu kämpfen. Damit waren die natürlich überfordert.


Diese Aussage war in deren Augen erst einmal eine Totalverweigerung.


Klar. Und dafür waren zwei Jahre Knast vorgesehen, inklusive Arbeit in der Zementfabrik. Das wusste man, aus dem christlichen Spektrum hatten schon viele verweigert. Ich war dann erstmal vier Wochen in U-Haft. Angeklagt wurde ich wegen Nichtbefolgen des Einberufungsbefehls – meine politische Aussage wollten die in den Prozess gar nicht einbringen. Einen Tag vor Prozessbeginn wurde ich plötzlich zum Militärstaatsanwalt gerufen. Der sah wirklich aus, als ob der seit seiner Geburt noch nicht einmal im Leben gelacht hat. So ein verknöcherter Bürokrat – gegen solche Menschen war ich ja angetreten. Der guckte mich also an wie den übelsten Feind: „Herr Mißlitz, ich bin beauftragt, Ihnen mitzuteilen, dass der Minister für nationale Verteidigung der Deutschen Demokratischen Republik Ihren Einberufungsbefehl zurückgezogen hat. Ich sehe mich somit nicht mehr in der Lage, die Anklage aufrecht zu erhalten. Sie werden sofort entlassen.“ Können sie sich vorstellen, wie ich in dem Moment innerlich gejubelt habe? Ich wusste nicht genau, warum, aber offensichtlich hatten wir einen Sieg errungen.


Was steckte Ihrer Ansicht nach hinter dieser plötzlichen Wende?


Die waren überfordert, wollten keine Diskussion über die ‚Volksarmee‘. In einigen Betrieben und an den Unis waren schon die ersten Flugblätter mit meiner Erklärung aufgetaucht. Die wussten nicht, was sie machen sollten. Das habe ich erst später in Gesprächen erfahren, die ich nach 1989 mit Stasi-Leuten geführt habe. Denen ist es ja nie gelungen, uns in diese übliche Ecke zu drängen: Vom Westen finanzierte Klassenfeinde. Daraus ergaben sich für uns neue Überlegungen: Wenn sie diesen politischen Anspruch unterm Tisch halten wollen, heißt das, dass wir als Linke irgendwo offene Türen einrennen. Und wir sagten: „Okay, dann halten wir an dem Reformgedanken fest und bauen den aus.“ Weswegen wir dann in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ganz neue Themen diskutierten: Preisbildung im Sozialismus, Reform der Wirtschaftsstrukturen, Veränderungen im Bildungssystem. Und natürlich die NVA-Reform.


Das heißt, in der zweiten Hälfte der Achtziger wurden Ihre Überlegungen dann konkreter?


Da sind dann auch andere Gruppen mit ins Spiel gekommen. Vor allem im Berliner Industriegebiet Schöneweide gab es damals die KPD-O und die KPD/ML.8 Die Umweltbibliothek, die Umweltblätter waren eine ganz wichtige Adresse. Und, wie gesagt, diese Basisgemeinden. Die gab es eher im Süden der DDR, aber die hatten eben auch linke Themen. Es gab Soligruppen zu Nicaragua oder Afrika, Anarchosyndikalisten, die ersten Punkbands, die verboten wurden. Im Rahmen der Offenen Arbeit, aus der später die Kirche von Unten entstanden ist, hat man sich nett getroffen. Selbst in den Friedenskreisen sind damals linke und linksradikale Themen aufgetaucht. Es gab also ein breites Spektrum an Leuten, die sich engagiert haben – eigentlich unglaublich. Die Frage war nur immer: Wie lässt sich das als politische Kraft zusammenfügen?


Und die offensichtlichen inneren Widersprüche in diesem Spektrum: Von der kirchlichen Friedensbewegung zum Rätekommunismus – sind die schon zu DDR-Zeiten aufgebrochen?


Ja, aber man hat sich nicht gegenseitig denunziert. Das gab es nur selten. Mit ‚denunzieren‘ meine ich nicht ‚verraten‘, sondern jemanden als politischen Gegner unglaubwürdig machen. Es gab Auseinandersetzungen, aber man hat eben doch am selben Strang gezogen. Wir waren zum Beispiel auch zu diesen internationalen Zeltlagern eingeladen, da hat man sich in der DDR, der Tschechoslowakei oder Ungarn auch mal mit Amis oder Israelis getroffen und das Für und Wider des zivilen Ersatzdienstes diskutiert. In dem Zusammenhang hat jemand wie Eppelmann9 schon eine Rolle gespielt, der sich dann allerdings auf einer Westreise mit der Stahlhelm-Fraktion der CDU/CSU getroffen hat. Das haben wir in den Umweltblättern damals auch scharf kritisiert.10 Klar, Eppelmann – das war nicht nur eine andere Baustelle, sondern dann schon die andere Seite. Da haben wir schon gesagt: „Mit so einem kann man nichts zusammen machen.“


Haben Sie damals auch öffentliche Aktionen organisiert?


Ein Versuch, das linke Spektrum mal zusammenzubringen, war die Anti-IWF-Woche11 in Ostberlin 1988. Da waren alle mit von der Partie – damit hatten wir gar nicht gerechnet. Zunächst hatten wir einfach gesagt: „Wir versuchen mal, dieses Thema breiter zu diskutieren.“ Das hatte ein Jahr Vorlauf, wir haben Ausstellungen gemacht und eine AG Weltwirtschaft ins Leben gerufen. Da haben Gruppen diskutiert, die sich sonst teilweise gar nicht getroffen haben. Schnell wurde klar, dass für uns Osteuropa ein Thema ist – das hat die Westlinke oft ausgespart. Wir haben uns gefragt, inwieweit RGW-Strukturen12 an weltweiten Ausbeutungsverhältnissen beteiligt sind, inwieweit ist zum Beispiel der Steinkohleabbau der DDR in Mosambik ein koloniales Verhältnis. Die Regierung hat uns zudem noch einen Frontangriffspunkt geboten, indem sie die Banker in Ostberlin hat übernachten lassen. Klar, es gibt nur einen Weltmarkt – und der ist kapitalistisch. Auch die DDR brauchte gewisse Geschäftsgrundlagen, hat Kredite bekommen – das war also ein ‚Sonderangebot‘ an die. Da bewegten wir uns ja auch schon auf 1989 zu, und irgendwie wurde zu dieser Zeit auch klar, dass etwas passieren würde.


War Ihnen damals klar, was passieren, und wie schnell das gehen würde?


Nein, ich glaube, das war niemandem klar. Es gab diese Massenausreisen, von uns aus konnten diese Leute hingehen, wo sie wollten – lasst sie alle gehen. Die wollten den Westen, den wollten wir nicht. Für uns war damals das Problem, dass die bei uns aufgetaucht sind und das Maul so weit aufgerissen haben, dass sie verhaftet und freigekauft wurden.13 Wir wollten mit denen nicht unter eine Decke gesteckt werden. Da mussten wir höllisch aufpassen. Aber dieses Ding, das sich Mauerfall nennt – das kam für uns eher überraschend. Im Sommer 1989 haben wir uns noch getroffen und Reformpläne für die DDR diskutiert. Wir hatten Kontakte mit Leuten aus dem SED-Apparat, da gab es überraschende Einschätzungen. Einer ging davon aus, dass sich die ‚Technokraten‘ – also die, die mehr wirtschaftlichen Freiraum wollten – mit einem Teil der Opposition zusammentun und die Macht übernehmen würden. Danach werde dieses Zweckbündnis zerfallen, wodurch dann in der gesellschaftlichen Entwicklung zentrifugale Kräfte freigesetzt würden: Unruhen, Streiks und sehr verschiedene politische Strömungen. Das Problem sei, dass es keine starke Linke gebe, um dann eine sozialistische Perspektive zu vertreten.


Haben Sie diese Einschätzung geteilt?


Nein, wir waren überzeugt, dass es diese sozialistischen Kräfte gibt – wir haben auch die Bürgerbewegten noch so eingeschätzt, dass sie eine Form von Sozialismus wollten. Was sich später als völliger Blödsinn herausgestellt hat. Aber damals haben sie selber es ja noch so formuliert. Natürlich gab es da Unterschiede, und in dem bürgerbewegten Spektrum waren ganz klar westliche Modelle auf der Tagesordnung – aber sicher noch nicht das System Marktwirtschaft. Wahlen, Reisefreiheit, Ersatzdienst – das war so deren Vokabular.


Wie lautete Ihr Vokabular?


Volkskongress, Betriebsrätesystem, gewählte Betriebsverwaltung, starke Gewerkschaften, Reform des Bildungssystems und des Militärwesens – sozialistische Reformen. Wir hatten gute Kontakte in die Betriebe, und gerade in Großbetrieben haben sich damals auch Zirkel gebildet, die sich auf solche Diskussion vorbereitet haben. Das waren aber eben nicht die Themen der Bürgerbewegten. Wir wiederum fanden diesen westlichen Parlamentarismus nicht so prickelnd, den Leute wie Hans Misselwitz da propagierten. Im Sommer ’89 kam dann der Aufruf für eine Vereinigte Linke. Das war dann das Projekt, später kam der Runde Tisch.


Herbst und Winter 1989 – wie haben Sie diese Zeit erlebt?


Vielleicht kann man das so beschreiben: Jeder Tag war ein 36-Stunden-Tag: Wenig schlafen, viel debattieren und immer das Gefühl haben, der Zeit hinterher zu rennen. Wir waren einfach noch nicht so weit, waren noch nicht richtig organisiert. Wir haben darüber gestritten, was jetzt unsere Aufgaben sind, woran wir uns mit welchen Zielen beteiligen. Da ist immer mehr abgebaut worden von den ursprünglichen Idealen: Der Volkskongress hat nicht stattgefunden – sollten wir uns an der Modrow-Regierung beteiligen, mit welcher Position gehen wir an den Runden Tisch? Außerdem gingen wir in die Betriebe – das war eine Katastrophe für uns. Wir sind da mit viel zu viel Idealismus herangegangen: „Wir sind an Eurer Seite! Jetzt haben wir die Möglichkeit, die Betriebe zu übernehmen und ein Rätesystem zu entwickeln!“ – und dann sagten zum Beispiel die Leute in den Leuna-Werken: „Ja klar, wir schieben hier das Quecksilber mit Schubkarren durch die Gegend, aus den Rohren tropft irgendein giftiges Zeug, 40 Prozent der Belegschaft sind hier zwangsweise eingesetzt, die Arbeitsbedingungen sind richtig Scheiße – habt ihr das Geld, diesen Betrieb zu sanieren? Dann machen wir das sofort mit den Räten.“ Und letztlich ist das durch die Treuhand dann alles zerstört worden – die Treuhand ist ja eine der größten kriminellen Vereinigungen der deutschen Nachkriegsgeschichte gewesen.


Diese Entwicklung muss ziemlich desillusionierend gewesen sein.


Ich habe einfach immer mehr das Gefühl gehabt, dass wir untergraben werden. Zu den Volkskammerwahlen 1990 gab es Plakate wie „Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht, dann gehen wir!“, spätestens mit dem Wahlausgang14 sind die Würfel dann gefallen. Unser Anliegen war aber eine Gesellschaft, die den Namen Sozialismus verdient. Und ich muss gestehen, ich war einer der Letzten, der dieses hehre Ziel aufgegeben hat. Und dann war ich eigentlich weniger enttäuscht, als dass ich mich gefragt habe: „Welche Fehleinschätzungen gab es unsererseits?“


Vielleicht mangelte es Ihnen an einer ausreichenden Basis?


Erst mal nein, im Gegenteil. Ernüchternd war natürlich später das Ergebnis für die Vereinigte Linke in der Volkskammerwahl, das lag bei 0,8 Prozent. Aber mangelnde Basis? – Nein, wir haben unter ‚Basis‘ ja nicht Mitglieder einer Organisation mit Parteibuch verstanden.


Mit ‚Basis‘ meine ich eigentlich auch Leute, die Sie überzeugen konnten.


Da sag’ ich nur: Noch ’89 sind die ganzen Betriebsratsinitiativen aufgekommen. Es gab an Universitäten und in Betrieben Gruppen, die sich in unserem Sinne – also als DDR-Linke – engagiert haben. Darauf haben wir gesetzt. Bis in die NVA hinein haben wir Initiativen für Soldatenräte diskutiert, die auch entstanden sind. Die hat Eppelmann dann natürlich wieder abgeschafft.15


Die Masse der Bevölkerung hat sich aber offenbar nicht für eine andere DDR eingesetzt.


Warum das so war, dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Meine Einschätzung ist nach wie vor – ich will jetzt nicht sagen: latent verschwörungstheoretisch, aber eines ist klar: Es gab keine Zeit und auch nicht die Mittel, sich wirklich zu gruppieren. Ein Beispiel: Auf dem Kongress der Betriebsrats- und Gewerkschaftsinitiativen in Halle wurde damals von Delegierten aus 175 Betrieben diskutiert, welche Aufgaben Betriebsräte haben sollen, wie sich Gewerkschaften organisieren sollen. Eine Kommission hat darauf hin einen Entwurf für ein Betriebsverfassungsgesetz in der DDR erarbeitet. Das wurde in einer Auflage von 10 000, schlecht leserlich, als kleines Heftchen verteilt. Parallel hat das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen16 mit dem DGB eine Hochglanzbroschüre in Millionenauflage vertrieben, in der das bundesdeutsche Betriebsverfassungsgesetz gepriesen wurde. – Klar, unter diesen Bedingungen haben wir die Leute nicht erreicht. Viele wussten gar nicht, dass es unsere Broschüre gibt. Wenn die Mauer noch zu gewesen wäre und das unter der Hand verteilt worden wäre, hätten sich alle dafür interessiert. Aber so? Und natürlich haben viele Kräfte aus dem Westen darauf hingewirkt, dass es eine Angliederung gibt. Es ist ja nicht so, dass da ein einziger Trümmerhaufen übernommen wurde – im Gegenteil, die Vermögenswerte wurden ja entsprechend privatisiert. Und natürlich haben viele aus der DDR auf den Luxus im Westen geschaut – ‚blühende Landschaften‘.


Was haben Sie sich als erstes gekauft, im ‚neuen Luxus‘?


Im Westen? Da muss ich drüber nachdenken. Was war das? Also, ich glaube ein Bier. Ich bin auch erst ziemlich spät nach dem Westen rüber, über die Oberbaumbrücke17 nach Kreuzberg. Bei der Dresdner Bank dort war angesprüht: „Begrüßungsgeld für alle AusländerInnen!“ – das hat mir imponiert. Im Dezember war ich dann mal in einem Kaufhaus, das hat mich erschlagen, da habe ich einen richtigen Blackout bekommen. Diese gesamte Atmosphäre – grausig, einfach grausig. Ich bin da auch nur rein, weil ich vor lauter Arbeiten – typisch Mann – vergessen hatte, ein Weihnachtsgeschenk für meinen Sohn zu kaufen. Also habe ich da ein Spielzeugauto geholt.


Sie hatten schon vor der Wende Kontakte auch zu Linken im Westen. Haben die sich intensiviert?


Klar, aber die haben sich damals größtenteils genauso verhalten wie ihre politischen Eliten. Bei Diskussionen kam immer wieder der Standardsatz: „Hatten wir alles schon ...“ Die haben sich nur in den wenigsten Fällen wirklich für die DDR interessiert oder hatten völlig absurde Einschätzungen dazu. Nur ganz wenige sind gekommen: „Wir haben die DDR bisher als befreites Gebiet angesehen, das war eine falsche Analyse. Seid ihr bereit zur Diskussion?“ Damit konnten wir natürlich besser leben als uns in irgendeiner Westberliner Szenekneipe von Autonomen Ossi-Sprüche anzuhören. Die waren eigentlich nicht besser als diese Versicherungsvertreter, die sich darüber lustig gemacht haben, wie leicht man die Ossis über den Tisch ziehen konnte.


Im Oktober 1990 erfolgte der ‚Beitritt‘ der DDR zur BRD – oder wie würden Sie diesen Vorgang nennen?


‚Beitritt‘ würde ich es auf keinen Fall nennen. Ich habe dafür immer noch kein Wort. Ich würde es auch nicht ‚Konterrevolution‘ nennen (lacht). Ich habe keinen Namen dafür. ‚Beitritt‘? Eher Arschtritt. Damals nannten wir es ‚Kolonisierung‘. Am 1. Mai ’92 gab es dann unter dem Motto ‚Der Osten schlägt zurück‘ die erste große Randale am Prenzlauer Berg. Das war diese Phase der besetzten Häuser, das hat viel verändert im Politgeschehen.18 Die Vereinigte Linke ist angesichts der politischen Großwetterlage mit der Zeit zerfasert, gleichzeitig gab es einen Radikalisierungsschub – bei mir zumindest. Die Neofaschisten haben sich organisiert, es gab permanent Übergriffe. Das waren ganz neue Aufgaben, allen voran natürlich die Antifa-Arbeit.19


Wie ging es bei Ihnen nach der Wende weiter? Hatten Sie einen Job?


Nach der Volkskammerwahl war ich bei Thomas Klein20 als Mitarbeiter für Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik angestellt. Die Abwicklungsstelle des Deutschen Bundestags hat mir das noch bescheinigt, dann war ich erst mal arbeitslos. Ich hatte dann eine ABM-Stelle beim Bürgerkomitee 15. Januar.21 Dort hat es aber immer wieder gekracht,22 bis mir nahe gelegt wurde, nicht mehr zur Arbeit zu kommen. Danach war ich erstmal wieder arbeitslos. Aber ich hatte eigentlich genug zu tun, es ist ja nicht so, dass ich mit dem Ende der DDR die Idee des Sozialismus aufgegeben hätte – im Gegenteil! Ich war damals viel unterwegs in politischen Gruppen.


Später haben Sie begonnen, Slawistik zu studieren.


Ja, ich habe schon länger überlegt, was mit Osteuropa zu machen. Erstmal habe ich mithilfe des Arbeitsamtes – als Weiterbildung – einen Russisch-Aufbaukurs in Sibirien gemacht. Die wollten das erst nicht finanzieren, aber das Sozialgericht hat mir recht gegeben. Danach haben die sich aber dann gerächt. Da meinte so ein Krawattenzombie, ich müsste jetzt einen Kurs belegen: ‚Wie bewerbe ich mich richtig?‘ für Ostler, acht Wochen, acht Stunden Unterricht pro Tag. Damals wurde das Gesetz geändert, so dass dann auch private Bildungsträger finanziert wurden. Natürlich sind solche Kurse darauf hin wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wenn du das nicht gemacht hast, hast du kein Geld mehr bekommen. In der Zeit war man auch nicht arbeitslos gemeldet, so wurde die Statistik geschönt.


Wie muss man sich so eine ‚Maßnahme‘ vorstellen?


Das war eine Baracke in Pankow, da saßen 50 Personen, von denen waren 48 Frauen über 50. Denen hatte man beim Arbeitsamt gesagt: „Lassen Sie es sein, Sie kriegen keinen Job mehr.“ Trotzdem wurden die da reingedrückt: „Sie sind zu doof, sich zu bewerben!“ – das war schon ziemlich demütigend. Jeder sollte ein fingiertes Bewerbungsgespräch führen, das wurde gefilmt und ausgewertet. Ich hab mich dann mal erkundigt, was dieser private Bildungsträger eigentlich vom Arbeitsamt bekommt: pro Stunde, pro Nase 245 Mark! Da wurde mir klar, was da lief. Das war eine Privatisierung der Fördergelder auf Kosten real existierender Menschen, deren Betriebe abgewickelt worden waren. Denen man auf dem Arbeitsamt schon gesagt hatte: „Du wirst nicht mehr gebraucht, ab in die Tonne.“ Ich hab’ dann zu dem Typ vom Arbeitsamt gesagt, ich starte eine Pressekampagne. Da bot er mir an, ich müsste da ja nicht mehr hingehen.


Sie wussten jetzt, wie man sich bewirbt ... Wie ging es beruflich für Sie weiter?


Irgendwann war die Arbeitslosigkeit ausgereizt. Als die mir eine Umschulung zum Großhandelskaufmann anboten und mich vor die Alternative stellten, das anzunehmen oder ich kriege kein Geld mehr, habe ich mich an der Humboldt-Uni eingeschrieben: Slawistik, Geschichte und Kunstgeschichte, später habe ich an der FU noch Osteuropawissenschaften und Ethnologie studiert. Finanziert habe ich mir das als Taxifahrer. Vor kurzem habe ich mich selbständig gemacht und versuche, Projekte im Ost-West-Austausch zu organisieren.


Was ist Ihrer Meinung nach das Potential des ‚Ostens‘?


Das ist schwer zu fassen, das sind eben Erfahrungen oder auch Emotionen, man hat das eben durchlebt. Jedenfalls: ‚Osten‘ heißt zunächst einmal, eine Erfahrung gemacht zu haben, die nicht auf Vermarktung und Existenzangst auf baut, sondern auf Solidarität. Sich in Bezug zur gesellschaftlichen Umwelt zu setzen, sich verantwortlich zu fühlen – was nicht zu verwechseln ist mit Schnüffelei, sondern vor allem bedeutet, keine Vereinzelung zuzulassen. Ich glaube, dass wir aus dem Osten auch die Aufgabe haben, diese Erfahrung zu reproduzieren. Reproduzieren heißt zu sagen: Es hat so was gegeben, und das wird es auch wieder geben. Zu vermitteln, dass es sich lohnt, das anzustreben. Im Gegensatz zu den Leuten im Westen haben wir beide Systeme real durchlebt und festgestellt, dass es nur ein System gibt, das reformierbar ist. Der Westen ist nicht reformierbar, da sind wir uns alle einig. Aber der Osten wäre reformierbar gewesen.


Das sehen die meisten Leute zumindest in Deutschland genau anders herum.


Es wird ja auch Unmengen von Geld ausgegeben, um die entsprechende Geschichte zu produzieren. Das heißt, es werden bestimmte Einrichtungen und Leute finanziert, um ein spezifisches Bild von der DDR in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich erinnere noch mal an Eppelmann, der von einem ‚Friedenspfarrer‘ zum Kriegsminister23 konvertierte und später federführend war in diesen Kommissionen zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte.24 Was dabei rauskommt, sind Begriffe wie ‚Unrechtstaat‘25 und ähnliche Schlagwörter, mit denen im Grunde kein vernünftiger Mensch was anfangen kann. Das ist ein Wurmfortsatz des Kalten Krieges.


Wie sehen Sie die DDR im Rückblick? Sie erwähnten einmal, dass Sie sich in einer ambivalenten Haltung befänden – indem Sie die DDR verteidigen, obwohl Sie ihr Gegner waren.


Ich war kein ‚Gegner‘. Das ist total schwierig zu erklären, vor allem jetzt aus der Retrospektive. Wie habe ich mich damals gesehen? Sicher nicht als ‚Opposition‘, wohl eher als rebellisch. Ich fand das alles miefig, spießig. Das hat mir gestunken, ich habe mir die Haare wachsen lassen, bin mit völlig zerschlissenen Klamotten rumgerannt. Ich wollte provozieren. Wir waren in Sachen Blues unterwegs, wir haben unsere Partys selbst organisiert. Aber ich habe eigentlich nie in den Westen gewollt. Klar war ich neugierig, wollte Freunde besuchen, mal im Mittelmeer baden, was von der Welt sehen. Aber ich wollte nicht da leben. Das Verhältnis zur DDR war dennoch ambivalent. Wenn ich verhaftet wurde, die Nacht über da saß, mit Vernehmungen und Gegenüberstellungen, weil irgendwelche Leute Aussagen gemacht haben – ja klar, da haben wir gesagt: „Was soll das alles hier?“ Aber wir hatten unsere Diskussionen darüber, was man anders machen müsste, daraus entstanden dann Reformgedanken. Wir wollten nicht den Westen. Unser größter Fehler war diese Fehleinschätzung: dass der größte Teil der Bevölkerung unisono den Sozialismus will und bereit ist, dafür auf Luxus zu verzichten. Wir haben viel zu wenig in diese Welt des Konsums geschaut. Damals haben wir uns darüber lustig gemacht.


Das Gespräch führte Cornelia Siebeck im Jahr 2010, aus: http://vergangenheitsverlag.de/index.php?id=9&mainm=9&buchid=8



Anmerkungen
1 Kurt Gossweiler (*1917) war während der NS-Zeit Mitglied des illegalisierten Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland, lief 1943 zur Sowjetarmee über und besuchte eine sowjetische Antifa-Schule. Ab 1955 widmete er sich der Faschismusforschung, erst an der Humboldt Universität, später an der Akademie der Wissenschaften.
2 Auch in der Bundesrepublik populärer Roman, der Jugendkultur in der DDR Anfang der 1970er Jahre widerspiegelt.
3 Harry Tisch (1927-1995) war Mitglied des Politbüros und Vorsitzender des FDGB. Ende 1989 wurde er aus der SED und dem FDGB ausgeschlossen, weil er sich persönlich in seinem Amt bereichert hatte.
4 Der in der DDR-Friedensbewegung auch in Form von Buttons und Aufnähern weit verbreitete Bibelspruch ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ wurde 1981 wegen Wehrkraftzersetzung verboten. 1982 verfasste der prominente DDRDissident Robert Havemann gemeinsam mit dem Pfarrer Rainer Eppelmann den ‚Berliner Appell‘, in dem die Regierung u.a. zur Einführung eines ‚Sozialen Friedensdienstes‘ an Stelle des Wehrdienstes aufgefordert wurde.
5 Der Rätekommunismus lehnt den Staatssozialismus ebenso wie den Parteikommunismus ab. Gesellschaft wird als basisdemokratisch verfasste Räterepublik gedacht; es besteht eine gewisse Nähe zum Anarchismus.
6 Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) gilt als einer der wichtigsten Vordenker des Anarchismus.
7 Hans Küng (*1928) ist ein katholischer Theologe. Wegen papstkritischer Veröffentlichungen wurde ihm 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. In seinen Werken beschäftigt er sich mit Weltreligionen und Religionskritik.
8 Die KPD-Opposition hatte sich 1929 von der KPD abgespalten; die Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten wurde 1968 in Westdeutschland gegründet, ab Mitte der 1970er Jahre gab es eine Sektion in der DDR. Sie war zunächst maoistisch orientiert, später am albanischen Sozialismus.
9 Rainer Eppelmann (*1943) galt als regimekritischer ‚Friedenspfarrer‘, 1982 initiierte er den ‚Berliner Appell‘.
10 Eppelmann traf sich 1987 in Westberlin mit diversen CDU/CSU-Politikern, wofür er vom linksradikalen Flügel der DDR-Oppositionsbewegung scharf kritisiert wurde. Spätestens an diesem Punkt wurden kaum überbrückbare ideologische Gräben innerhalb der DDR-Opposition erkennbar.
11 1988 fand in Westberlin ein Gipfel des Internationalen Währungsfonds statt.
12 Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe existierte von 1949 bis 1991 als wirtschaftspolitischer Zusammenschluss der Ostblockstaaten unter Führung der Sowjetunion.
13 Die ‚Ausreisewilligen‘ wurden damals zum Problem der DDR-Opposition, da sie deren Veranstaltungen dafür nutzten, ihre Ausreise zu beschleunigen.
14 Bei den Volkskammerwahlen in der DDR 1990 erreichte die CDU 40 Prozent, gefolgt von der SPD mit 21 Prozent.
15 Eppelmann war unter Lothar de Mazière Minister für Verteidigung und Abrüstung und in dieser Eigenschaft für die Vorbereitung der Zusammenführung von NVA und Bundeswehr zuständig.
16 Das Ministerium existierte von 1949 bis 1991 und war für die bundesdeutschen Beziehungen zur DDR zuständig.
17 Die Oberbaumbrücke verbindet die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg, von 1961 bis 1989 verlief hier die Grenze.
18 Waren in Ostberlin ohnehin schon viele Häuser quasi ‚besetzt‘, nutzte nun auch die Westberliner und bundesdeutsche Hausbesetzerszene den ‚kurzen Sommer der Anarchie‘ in Ostberlin: Ganze Straßenzüge wurden besetzt. Räumungen in den 1990ern stießen auf massiven Widerstand – am prominentesten wurde wohl die Mainzer Straße.
19 Rund um die ‚Wiedervereinigung‘ mehrten sich neonazistische Angriffe auf Nichtdeutsche, Linke oder ‚Penner‘. In Ostberlin wurde 1992 der Hausbesetzter und AntifaAktivist Silvio Meier von Neonazis ermordet.
20 Thomas Klein (*1948) war 1990 als Vertreter der ‚Vereinigten Linken‘ in die Volkskammer gewählt worden.
21 Am 15. Januar 1990 erzwangen Bürgerrechtler die Öffnung der Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg.
22 Laut Mißlitz ging es um seine Forschung über (unter anderem von Gefängnishäftlingen entnommene) Blutkonserven aus der DDR, die über Umwege an das Bayerische Rote Kreuz verkauft wurden, das das Blut zur Plasmapherese an die westdeutsche Pharmaindustrie weiterverkaufte – das Blut war nicht auf Aids getestet worden. Sein Artikel sollte ‚bereinigt‘ veröffentlicht werden, da das Bürgerkomitee zu dieser Zeit über Sponsoring durch die Pharmaindustrie verhandelte. Zudem hätten einzelne Mitarbeiter des Komitees – gegen dessen Satzung – mit dem Verfassungsschutz bzw. dem BKA zusammengearbeitet.
23 Herbert Mißlitz bezieht sich auf Eppelmanns Funktion als
Minister für Verteidigung und Abrüstung 1990.