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MAGAZIN
 

Nachwuchswissenschaftler fordern die Bildungsrevolution

Interview mit Bettina Malter

Aktueller Chancenspiegel der Bertelsmann-Stiftung weckt Öffentlichkeit auf – doch Nachwuchswissenschaftler fordern die Bildungsrevolution

Im Interview: Bettina Malter, Berliner Journalistin und Herausgeberin eines Sammelbandes unter dem programmatischen Titel „Was bildet ihr uns ein?“, der in den nächsten Wochen erscheint.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Instituts für Schulentwicklungsforschung hat aktuell bestätigt, dass deutsche Schulen ungerecht sind, viele Gymnasien sind Biotope für die Kinder der Oberschicht. Sie haben in einem Sammelband zusammen mit Nachwuchswissenschaftlern das Thema unlängst genauer untersucht. Was ist das Problem des deutschen Schulsystems?

Bettina Malter: Ein zentrales Problem ist tatsächlich die soziale Ungerechtigkeit. Daher finde ich das Bild, Gymnasien seien Biotope der Oberschicht, sehr treffend. Es spiegelt wider, dass die soziale Durchlässigkeit in Deutschland kaum vorhanden ist. Man muss sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, dass Kinder im Alter von 10 oder 12 Jahren bereits sortiert und kategorisiert werden – mit Auswirkungen auf das ganze Leben. Und da gelten nicht nur Noten, sondern der soziale Hintergrund spielt eine enorme Rolle, ob jemand eine Gymnasialempfehlung bekommt oder nicht. Das hat auch der Chancenspiegel der Bertelsmann-Stiftung gezeigt. Von Lehrern ist das häufig sogar gut gemeint. Aber gut gemeint, ist häufig schlecht gemacht.

Die Medien berichten anlässlich der Veröffentlichung der Bertelsmann-Studie einhellig, dass Bildungserfolg in erheblichem Maße von der Herkunft abhängig ist. Überrascht Sie das Ergebnis?

Bettina Malter: Es überrascht mich überhaupt nicht, zumal es spätestens seit PISA bekannt ist und es unzählige Studie gibt, die genau das belegen. Aber daran zeigt sich genau das Problem. Obwohl all das seit Jahren bekannt ist, erfolgen keine grundlegenden Veränderungen. Viele Politiker verschließen die Augen, und dass der Vorsitzende des Lehrerverbandes Josef Kraus die Ergebnisse des Chancenspiegels als "Alarmismus" bezeichnet, sagt alles.

Was war das Anliegen von Ihnen, in Ihrem neuen Buch die Meinungen einer jungen Nachwuchswissenschaftlergeneration zur Bildungsgerechtigkeit zusammenzutragen?

Bettina Malter: Wir wollen mit unserem Buch die Politik aufrütteln und fordern eine ehrliche Debatte über Bildung. Denn offenbar ist die Politik trotz zahlreicher Studien beratungsresistent. Wie es denjenigen geht, die das Bildungssystem durchlaufen, wird häufig vergessen. So war ein weiteres Anliegen, darzustellen, was das System mit den Menschen macht, wie es verletzt und Langzeitschäden verursacht. Als jüngere Autorinnen und Autoren sind wir näher am Thema, berichten authentischer von den Missständen – von denen die Politik offensichtlich zu weit abgehoben ist.

Sie versuchen in Ihrem Sammelband nicht nur die derzeitige Schieflage zu beschreiben und mit Zahlen zu unterlegen, sondern auch politische Schlussfolgerungen zu ziehen. Was ist die Forderungen der Autorinnen und Autoren, die – so der Untertitel des Buches – eine Bildungsrevolution wollen?

Bettina Malter: Das Buch beginnt bei frühkindlicher Bildung und endet bei der Promotion, somit gibt es unzählige Forderungen. Zentral ist aber, dass unser Bildungssystem durchlässiger werden muss. Auf die Schule bezogen brauchen wir also vor allem Veränderungen im Klassenraum. Der Unterricht muss so gestaltet werden, dass Kinder gerne zur Schule gehen und Spaß haben. Wir sollten Noten überdenken, Kinder individuell fördern und sie nicht so früh trennen. Damit würde man unheimlichen Druck von ihnen nehmen, und sie nicht schon im frühen Alter abstempeln. Außerdem muss Schluss sein mit diesem vorzeitlichen sozialen Klassensystem. Herkunft darf in keinem Fall ausschlaggebend für die Bildungskarriere eines Menschen sein. Diese Frage ist für uns alle zentral – und daran wird sich die Politik auch insgesamt messen lassen müssen. Schließlich geht es nicht nur um das Schicksal einzelner im Bildungssystem, sondern generell darum: Wie gerecht wollen wir unsere Gesellschaft gestalten?

Erscheint im Mai 2012: Bettina Malter/Ali Hotait (Hg.), Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution, Berlin 2012 (Vergangenheitsverlag) ISBN 978-3-86408-061-6, 19,90 Euro)