Wie sündhaft war das 15. und frühe 16. Jahrhundert? Interview mit Dr. Günter Scholz zur Zimmerschen Chronik

Das Leben um 1500 war oft vielschichtiger, widersprüchlicher und menschlicher, als wir heute denken.
Historiker Dr. Günter Scholz spricht über die Chronik der Herren von Zimmern und zeigt, was uns diese besondere Quelle über das Leben der Menschen damals erzählt und wieso er dazu ein neues Buch im Vergangenheitsverlag geschrieben hat:
Herr Dr. Scholz, wie sind Sie erstmals auf die Zimmerische Chronik gestoßen, und was hat Sie an dieser Quelle von Anfang an besonders fasziniert?
Bereits zu Beginn meines Geschichtsstudiums an der Universität Tübingen bin ich um 1960 auf die Zimmerische Chronik gestoßen. Anders als in den Vorlesungen und Seminaren standen hier nicht Verträge und Kriege im Mittelpunkt, sondern die Menschen vergangener Zeiten, wie sie lebten und litten.
Die Zimmerische Chronik gilt als außergewöhnlich offene Quelle des 16. Jahrhunderts. Was hat Sie dazu bewogen, gerade ihre „ungeschönten“ und oft sehr menschlichen Seiten in den Mittelpunkt zu stellen?
Als Historiker interessierten mich mehr die Menschen aus Fleisch und Blut als Daten und Fakten. Ausgangspunkt für mich war, wie es der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen formuliert hat: der duldende, strebende und handelnde Mensch – „wie er ist und immer war und sein wird“.
Ihr Buch zeigt eine erstaunliche Nähe zu den Menschen um 1500 – ihren Leidenschaften, Ängsten und Verfehlungen. Was macht diese Chronik in dieser Hinsicht einzigartig im Vergleich zu anderen historischen Quellen?
In den herkömmlichen Geschichtsquellen geht es bevorzugt um Ruhm und Ehre. Dagegen zeigt die Zimmerische Chronik nicht nur das „Löbliche“, sondern auch das „Unlöbliche und Ungebührliche“ der historischen Heroen. Über große Männer wie Martin Luther oder Kaiser Karl V. wissen wir viel. Wenig aber über das private Leben hinter Politik, Religion und Moral – über Liebe, Sexualität, Ehe, Frauenbilder, Konkubinen, Verhütung, Abtreibung und Homosexualität.
Viele Episoden kreisen um Liebe, Sexualität, Gewalt und moralische Grenzüberschreitungen. Wie sollten wir diese Offenheit kulturhistorisch einordnen: als Ausnahmeerscheinung oder als Spiegel einer verdrängten historischen Realität?
Ich würde das eher als Spiegel einer verdrängten historischen Realität einordnen. Die Offenheit der Zimmerischen Chronik zeigt, dass diese Themen keineswegs Ausnahmeerscheinungen waren, sondern tief im Alltag und Denken der Menschen verwurzelt lagen.
Inwiefern verändert die Zimmerische Chronik unseren Blick auf das ausgehende Mittelalter und die frühe Neuzeit – gerade jenseits der großen politischen und religiösen Ereignisse?
Die Zimmerische Chronik zeichnet ein neues und überraschendes Bild der bewegten Umbruchsepoche vom Mittelalter zur Neuzeit. Obwohl die Kirche Ängste schürte, fürchteten längst nicht alle Menschen Fegfeuer und Höllenpein. Vielen war Sex auf Erden wichtiger als Gnade im Himmel. Lebenslust, Maskeraden, Hofnarren, Kleiderluxus, Völlerei und Trunksucht zählten für manche mehr als Enthaltsamkeit und Selbstkasteiung.
Was können Leserinnen und Leser von heute aus dieser Quelle über das „allzu Menschliche“ lernen – und warum berühren uns diese Geschichten auch nach fast 500 Jahren noch so unmittelbar?
Es ist besser, heute zu leben – mit Recht und Toleranz – als damals mit Unrecht und Zwang. Durch Aufklärung und Bildung sind Hexenwahn, Gespensterspuk, Körperstrafen und Scheiterhaufen überwunden worden. Doch bis heute tun sich immer wieder moralische Abgründe auf. Gerade durch die MeToo-Bewegung oder den Epstein-Skandal erhält die Zimmerische Chronik eine überraschende und brisante Aktualität.
Mehr zur Zimmerschen Chronik: https://vergangenheitsverlag.de/shop/Suenden-und-Sehnsuechte-Die-Chronik-der-Herren-von-Zimmern-und-das-Leben-um-1500--Ein-Buch-von-Guenter-Scholz-236.htm
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