Zum Tod des Historikers Konrad H. Jarausch - Ein Leben zwischen den Welten

Foto: Hans-Herrmann Hertle
Mit Konrad H. Jarausch ist ein Historiker am 1. September 2026 gestorben, dessen wissenschaftliches Leben sich kaum innerhalb nationaler Grenzen erzählen lässt. Er war Deutscher und Amerikaner, Beteiligter und Beobachter, Hochschullehrer und Wissenschaftsorganisator, ein Kenner deutscher Katastrophen und zugleich ein Historiker demokratischer Lernprozesse. Vor allem aber war er ein Mittler: zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, zwischen unterschiedlichen Wissenschaftskulturen und zwischen einer Vergangenheit, deren Last er früh erfahren hatte, und einer Gegenwart, die er aus dieser Vergangenheit heraus zu verstehen suchte.
Wir im Vergangenheitsverlag haben Konrad Jarausch in den letzten Jahren intensiv kennengelernt. Anlass war die Arbeit an seiner Autobiografie Die Last der Vergangenheit. Ein transatlantisches Leben, die 2025 bei uns erschien. (Die Last der Vergangenheit) Was zunächst als deutsche Übersetzung seiner 2023 bei Berghahn Books erschienenen englischen Erinnerungen The Burden of German History gedacht war, entwickelte sich im gemeinsamen Arbeitsprozess zu etwas anderem: zu einer Überprüfung, Fortschreibung und erheblichen Erweiterung des ursprünglichen Buches. Die deutsche Ausgabe wurde damit noch einmal zu einer Bilanz seines Lebens – und, wie wir heute wissen, zu einem Vermächtnis.
Jarausch, 1941 in Magdeburg geboren, gehörte zur Generation der Kriegskinder. Sein Vater starb 1942 als Wehrmachtssoldat in Russland an Typhus, ohne seinen Sohn je gesehen zu haben. Bombenkrieg, Flucht, Hunger und die Erfahrung einer moralisch diskreditierten Erwachsenenwelt gehörten zu den frühesten Schichten seiner Biografie. Daraus entstand eine Frage, die ihn nie mehr losließ: Wie hatte der Nationalsozialismus geschehen können?
Die Prägung durch den Krieg habe ihn dazu gebracht, Historiker zu werden, „um herauszufinden, was so schrecklich schiefgelaufen war“. Später beschreibt er seine Berufswahl noch grundsätzlicher. Geschichte habe ihn gereizt, weil die Beschäftigung mit der Vergangenheit „einen Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart und der Zukunft“ versprach.
Damit ist ein Grundzug seines Werks benannt. Geschichte war für Jarausch weder antiquarisches Interesse noch nationales Selbstgespräch. Sie war Aufklärung über die Bedingungen politischen Handelns. Seine Gegenstände wechselten, die Frage dahinter blieb erstaunlich konstant: Warum versagen Gesellschaften, Institutionen und Eliten – und unter welchen Bedingungen können sie lernen?
Dass er diese Fragen aus einer besonderen Perspektive stellte, verdankte sich einer zunächst keineswegs geplanten Lebensentscheidung. 1960 kam der Achtzehnjährige in die Vereinigten Staaten. Aus einem vorübergehenden Besuch der University of Wyoming wurde ein lebenslanger Aufenthalt. Er wollte Amerika verstehen, gerade weil die Bundesrepublik im Kalten Krieg von der westlichen Führungsmacht abhängig war und er wissen wollte, was die für einen jungen Deutschen mitunter schwer berechenbare amerikanische Politik bestimmte. Auf Wyoming folgte die University of Wisconsin in Madison, damals eines der bedeutenden Zentren der amerikanischen Geschichtswissenschaft. Dort promovierte er 1969 über Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Die Distanz über den Atlantik erwies sich als wissenschaftlich produktiv: Sie erlaubte ihm, deutsche Geschichte außerhalb der ideologischen Frontstellungen der Bundesrepublik und der DDR zu betrachten.
Nach einer ersten akademischen Station an der University of Missouri führte ihn sein Weg an die University of North Carolina at Chapel Hill, wo er schließlich Lurcy Professor of European Civilization wurde. Er gründete dort das Center for European Studies mit, war Präsident der German Studies Association und Vorsitzender der Conference Group for Central European History. Mehr als fünf Jahrzehnte lang lehrte er; erst im Sommer 2024 zog er sich endgültig aus der Universität zurück.
Dabei gehörte Jarausch zu jener Generation, die nicht nur neue Gegenstände untersuchte, sondern die deutsche Geschichtswissenschaft methodisch veränderte. Von der klassischen Politikgeschichte führte sein Weg über quantitative Verfahren und die Sozialgeschichte zur Kultur- und Erinnerungsgeschichte, zur Geschichte des Holocaust, der DDR und schließlich zu transnationalen und europäischen Perspektiven.
Entscheidend war dabei vielleicht weniger eine einzelne These als Jarauschs Bereitschaft, die eigenen Kategorien immer wieder zu überprüfen. Er konnte quantitativ arbeitender Sozialhistoriker sein und sich später der Kulturgeschichte öffnen; er konnte die Diktatur der DDR unmissverständlich benennen und sich zugleich gegen ihre Reduktion auf Repression wenden. Sein Begriff der „Fürsorgediktatur“ war der Versuch, zwischen Totalitarismustheorie und SED-Apologetik einen analytisch produktiveren Weg zu finden.
Besonders folgenreich wurde diese Haltung in Potsdam. Als Ko-Direktor des heutigen Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung prägte Jarausch von 1998 bis 2006 die Erforschung der DDR und der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er brachte angloamerikanische Forschungsansätze und internationale Wissenschaftler nach Potsdam, unterstützte die frühe digitale Vernetzung des Faches und die Entstehung der Zeithistorischen Forschungen. Nicht zuletzt war er maßgeblich daran beteiligt, das ZZF dauerhaft in der Leibniz-Gemeinschaft zu verankern – eine institutionelle Leistung, deren Bedeutung weit über seine eigenen Forschungen hinausreicht.
Doch Jarauschs vielleicht charakteristischste Leistung lag zwischen den Institutionen. Im Rückblick nannte er sich einen „transatlantischen Mittler“, schließlich sogar einen „doppelten Insider“: jemand, der beide Seiten von innen kannte und doch auf beiden eine gewisse Außenseiterposition behielt. Diese Zwischenstellung war für ihn keine Identitätskrise, sondern eine Erkenntnischance.
Amerika hatte ihm Offenheit, akademische Beweglichkeit und die Erfahrung individueller Möglichkeiten gegeben. Deutschland blieb der Gegenstand seiner intellektuellen Auseinandersetzung und ein wesentlicher Teil seiner Identität. Aus dieser doppelten Zugehörigkeit entstand keine unkritische Amerikabegeisterung. Gerade weil Jarausch beide Gesellschaften kannte, sah er ihre Schwächen. Sein transatlantisches Denken bestand nicht darin, amerikanische Antworten nach Europa zu importieren. Es bestand in Übersetzungsarbeit.
Eine der schönsten Passagen seiner Autobiografie bringt dies auf einen einfachen Satz. Über seine jahrzehntelange Arbeit zwischen den Kontinenten schrieb er: „Mein Ziel war es immer, der jeweils anderen Seite die menschliche Dimension in all ihren Facetten zu vermitteln.“
Jarausch stellte sich selbst nicht außerhalb der Geschichte, die er untersuchte. Er schrieb über die Irrtümer seiner Generation ebenso wie über ihre Lernfähigkeit, über seine deutsche Herkunft ebenso wie über seine Amerikanisierung. Seine Autobiografie sollte ausdrücklich die Spannung zwischen Innen- und Außensicht sichtbar machen und zeigen, wie historische Erfahrung und historiografisches Schreiben miteinander verbunden sind.
Am Ende seines Lebens war diese Frage für ihn wieder dringlicher geworden. Der Optimismus nach 1989 war einer Sorge um die Widerstandsfähigkeit liberaler Demokratien gewichen. Dabei verfiel Jarausch nicht in den Fehler, aus Geschichte einfache Gebrauchsanweisungen abzuleiten. Gerade Historiker, meinte er, müssten Mythen entzaubern, Quellen kritisch prüfen und die eigene Voreingenommenheit reflektieren. Geschichte sollte nicht politische Munition liefern, sondern einen rationaleren öffentlichen Diskurs ermöglichen.
Auch das transatlantische Verhältnis betrachtete er zuletzt mit Sorge, aber nicht ohne Hoffnung. Das individualistischere amerikanische und das stärker sozialstaatliche europäische Modell verstand er als unterschiedliche Ausprägungen gemeinsamer westlicher Werte, die es nach wie vor gibt. Sein entscheidender Satz dazu lautet: „Ich bin der aufrichtigen Überzeugung, dass diese beiden Interpretationen der gemeinsamen Werte der westlichen Zivilisation letztlich zusammenarbeiten müssen, da sie sich gegenseitig ergänzen.“
Vielleicht liegt hier die Botschaft, die von seinem Werk bleibt. Jarauschs Geschichte Deutschlands war weder die Geschichte einer ewigen Katastrophe noch die einer endgültig geglückten Läuterung. Sie war eine Geschichte des Lernens – und deshalb eine Geschichte, in der Erreichtes wieder verloren gehen kann. Aus der deutschen Erfahrung leitete er gerade keine moralische Überlegenheit ab. Im Gegenteil: Seine jahrzehntelange Beschäftigung mit gebildeten Eliten im Kaiserreich und Nationalsozialismus hatte ihn gelehrt, dass selbst Bildung keineswegs vor den „populistischen Sirenengesängen“ schützt.
Umso stärker bestand er auf der Verteidigung jener Voraussetzungen, ohne die demokratisches Lernen nicht möglich ist. In den letzten Zeilen seiner Autobiografie nennt er sie noch einmal: Menschenrechte, internationalen Frieden, soziale Solidarität und den Schutz der Umwelt. Seine Forschungen hätten gezeigt, schrieb er, welche enormen Kosten es verursache, diese Lektionen erst durch Katastrophen lernen zu müssen – „aber gerade das macht es umso dringlicher, sie zu beherzigen“.
Konrad H. Jarausch hat sein Leben der Frage gewidmet, wie Gesellschaften mit einer belasteten Vergangenheit umgehen können, ohne ihr auszuweichen und ohne von ihr überwältigt zu werden. Er hat Deutschland den amerikanischen Blick zugemutet und Amerika die Komplexität deutscher Erfahrungen erklärt. Er hat zwischen wissenschaftlichen Kulturen vermittelt, Generationen von Studierenden ausgebildet und Institutionen geschaffen und geprägt, die ihn überdauern werden.
Für uns bleibt darüber hinaus die Erinnerung an einen Autor, mit dem wir in den letzten Jahren an einem sehr persönlichen Buch arbeiten durften. Aus einem Verlagsprojekt wurde eine intensive Begegnung mit einem Menschen, für den Geschichte nie bloß Beruf gewesen ist. Die Last der Vergangenheit trägt diesen Titel nicht zufällig. Doch Jarauschs Lebenswerk zeigt zugleich, dass Vergangenheit nicht nur Last sein muss. Kritisch angenommen, kann sie zur Voraussetzung von Freiheit werden.
Das war die Hoffnung des Historikers Konrad H. Jarausch. Und es ist sein Vermächtnis.
Foto: Hans-Herrmann Hertle
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